Sensation: Homöopathiekonzern zahlt Geld zurück

23 04 2012

Der Homöopathiekonzern Boiron – das ist der mit der unendlich verdünnten Ententeilen, der bereits vor einigen tagen hier erwähnt wurde – zeigt sich kundenfreundlich, zumindest in diesem einen Fall. Was war passiert? Ganz einfach: Carrie, die eine Hälfte des wunderbaren Podcasts Oh No, Ross and Carrie! hatte sich nämlich einem heroischen Selbstversuch unterworfen. Das war übrigens ganz im Sinne des Untertitels des Podcasts: „we show up so you don’t have to.“ – durch den man sich zum Beispiel den Besuch eines Kreationistenmuseums dank ihres sehr lustigen und lehrreichen Berichts ersparen kann.
Auf YouTube hat sie aber nicht nur ihren Schnupfen dokumentiert, sondern auch ihre Anfragen wegen des verwendeten Boiron-Homöopathikums.

Sehr schön ist natürlich schon nach etwa o:45 Minuten die Antwort des „Poison-Centers“ – also einer Art Giftnotrufzentrale – auf ihren Anruf, sie hätte versehentlich die doppelte Dosis eingeworfen. Was die Worte „bogus“ und (total!) „rip-off“ bedeuten kann jeder, der des Englischen nicht mächtig ist, bei Leo nachlesen. Da die Boiron-Dame bei ihrem Rückruf nur ziemlich lächerliche Ausflüchte findet, schreibt Carrie noch einen Brief, legt die Rechnung bei und wartet …

… und das Unglaubliche passiert: Boiron ersetzt ihr die bezahlten 10,29$ – mittels eines echten Schecks (also keine homöopathische Bezahlung!), für den das Unternehmen nochmals 6 $ löhnen muss. Man mag sich gar nicht vorstellen was passieren würde, wenn das alle Käufer von Homöopathika machen würden …

Ich glaube ja nicht, dass deutsche Hersteller von Homöopathika ähnlich kundenfreundlich agieren würden. Aber vielleicht sollte man’s mal versuchen – ist ja gar keine schlechte Idee …





Nachtrag zur Woche der Homöodingsbums

13 04 2012

In den Begleitmaterialien zur Woche der Homöopathie (Motto: Homöopathie bei unerfülltem Kinderwunsch) sind auch zwei Studien angegeben, die Belege für die Wirksamkeit der Verschüttelungsmedizin bei diesem Thema liefern sollen. Der RatioBlog hat sich die Studien unter dem Titel „Macht Homöopathie Kinder?“ angesehen. Die eine Studie (Männer) sagt nichts aus, bei der anderen (Frauen) werden gar keine „richtigen“ Homöopathika getestet (es ist ein so genanntes Komplexmittel mit drei Wirkstoffen in der „Potenzierung“ D5 – also nichts anderes als ein stark verdünntes „normales“ Arzneimittel), was aber bei einem nicht signifikanten Ergebnis sowieso egal ist.

Aber so sind sie, die Homöopadingenskasper. Die Realität wird ausgeblendet, wenn sie nicht zum eigenen Weltbild passt. Mein Lieblingsbeispiel fand sich schon vor einiger Zeit ebenfalls beim RatioBlog: Hier zeigten sich Wirkungsunterschiede ganz offensichtlich in Abhängigkeit vom Alkoholgehalt (also dem Verdünnungsträger!) der verschiedenen verwendeten Mittelchen – diese widersprachen vollständig der homöopathischen Leere, aber die Homöopathen schrieben trotzdem ein positives Ergebnis für ihre Verschüttlungen auf.

Und dass aus Marketinggründen auch ganz klar formulierte Sätze aus einer Studie umdefiniert werden zeigt dieser Bericht bei Excanwahn





Die Woche der homöopathischen Widersprüche

10 04 2012

Aktuell haben wir ja die Internationale Woche der Homöopathie. Zeit für den RatioBlog auf eines der absurdesten Homöopathika hinzuweisen, das es überhaupt gibt: Oscillococcinum – das Zeugs, das zwar irgendwie aus Entenleber hergestellt werden soll, das aber bei dieser Potenzierung Verdünnung (C200 = 1:10 hoch 400 – das Abtippen der vielen Nullen erspare ich mir jetzt) absolut gar keine Entenleber enthalten kann. Der Hersteller hatte es im letzten Jahr zu einiger Berühmtheit gebracht, da er drohte einen italienischen Blogger wegen eines kritischen Artikels abzumahnen (es gibt natürlich noch viel mehr Links zu diesem Thema …).

Das Motto der diesjährigen Woche ist sehr interessant: Homöopathie bei unerfülltem Kinderwunsch
In der kurzen Beschreibung werden natürlich auch vermeintlich wissenschaftliche Untersuchungen erwähnt, die zeigen sollen, dass mittels Homöopathie bei Männern die Anzahl der Spermien steigt. Ist das aber nicht vollkommen unhomöopathisch? Müsste nicht bei Männern mit einer hohen Spermienverdünnungpotenzierung mit einer viel höheren Fertilisationsrate gerechnet werden? In etwa so wie in diesem schönen Bild:

Und selbstverständlich gibt es auch das Homöopathikum Sperma hominis

… wobei ich gar nicht darüber nachdenken möchte wie das Zeugs in den verschiedenen Darreichungsformen Globuli, Tropfen und Zäpfchen (die Größe ist leider nicht angegeben) zur Anwendung kommen soll.

Noch schöner ist aber diese Seite. Es geht um „Cousto´s neues Verfahren zur Herstellung von Hochpotenzen für die homöopathische Medizin„, das im Folgenden beschrieben wird. Eindrucksvoll ist schon der Anfang des Textes:

Der Schweizer Mathematiker und Musikforscher Hans Cousto ist durch seine Publikationen über das von ihm entdeckte Gesetz der „Kosmischen Oktave“ und den daraus hervorgegangen planetaren Tonfrequenzen weltweit bekannt geworden. Die Planetentöne werden von Therapeuten insbesonders für die Tonakupunktur mit Stimmgabeln angewendet (Ausführliches hierzu unter tune in).

Durch die konsequente Anwendung des Oktavgesetzes und neuer Erkenntnisse aus der Forschung von Hans Cousto im Bereich der klassischen Homöopathie entstand eine vollkommen neue Art der Herstellung von Hochpotenzen. Die ersten Grundüberlegungen basieren auf der Frage, warum eigentlich die Hochpotenzen nach Hanemann im Dezimalsystem hergestellt werden, obwohl weder die chemischen Elemente, noch der genetische Code auf der Basis 10 aufbauen. Sich auf die Schwingungsgesetze der Natur berufend, kam die Einsicht, daß die homöopathischen Hochpotenzen nicht mehr auf der Basis 10 sondern auf der Basis der 8 hergestellt werden müssen!

Der Rest ist so richtig herrlich abgedrehtes Wort- und Zahlengeschwurbel (auch die anderen Seiten dieser Internetpräsenz sind absurd: z.B. die erwähnte „Phonophorese„, also Tonpunktur – eine Art Akupunktur mit Stimmgabeln!!!), dass man fast überliest, dass der Autor hier tatsächlich Spermien schüttelt. Eine völlig neue Potenzierungsschreibweise ist dem Mann auch eingefallen: „CCLVI 16„, also 256 hoch 16. Wenn man bei Erwähnung des „Hare Krishna“ Mantras (in voller Länge tatsächlich 32 Silben – passt also zur Basis 8) und irgendwelchen Mandalas als weitere Schüttelhilfsmittel glaubt, das war’s jetzt an Abstrusität, dann setzt der Mann locker noch eins drauf:

Eine Musik zur Begleitung dieser Schüttelvorgänge sollte im Ton G mit 194,18 Hz gestimmt sein, da die Hauptresonanz der DNS-Ketten ein G ist und ein G auch der Tageston der Erde ist.

Und natürlich hilft das:

Die Wirkung dieser Spermahochpotenzen ist übrigens erstaunlich – eine ganze Reihe von Freunden haben mir das schon nachgemacht und sind danach echt geiler geworden.

Nur das Ende dieser Seite ist eine Enttäuschung, ja eigentlich sogar ein Skandal! Der Autor weist auf Nebenwirkungen hin! Seine und seiner Freunde selbstgeschüttelte homöopathische Spermien (das meine ich natürlich nur im Sinne seiner beschriebenen Anweisungen) haben negative Auswirkungen:

Eine ganze Reihe hat allerdings so zwei bis drei Wochen nach Beginn des Einnehmens über Nierenschmerzen geklagt.

Ist das der Preis für’s – na ihr wisst schon? Ist ja nicht allzu hoch, denn …

Diese sind dann aber nach etwa 2 bis 3 Wochen wieder verschwunden (ohne absetzen der Hochpotenz).

Na bitte! Und was machen die – offensichtlich – Jungs dann:

Nun sind wir da am Weiterexperimentieren – und am Genießen der Wirkung !

Die Vorstellung ist betäubend: Ein paar Männer sitzen bei eigenartiger Musik, Mantras murmelnd vor Mandalas … …  und wenn sie nicht gestorben sind dann schütteln sie immer noch, und schütteln und schütteln und schütteln …





Vermeintliche und echte Aprilscherze – mit und ohne Homöopathie

4 04 2012

Ich bin ja kein großer Freund von Aprilscherzen. Entgehen kann man ihnen kaum, und zumindest in den Medien gibt es immer mal wieder den einen oder anderen, der mir zumindest ein Schmunzeln, wenn nicht gar ein breites Grinsen ins Gesicht zaubert. Dieses Jahr war es eine Meldung in Telepolis. Natürlich ist es Quatsch, dass die Bewohner der ehemaligen DDR für ihren damaligen Konsum des Westfernsehens von der GEZ nachträglich zur Kasse gebeten werden sollen. Andererseits – und das macht für mich einen guten Aprilscherze aus – liegt diese Meldung gar nicht so weit neben der Realität. Vielleicht wurde dieser Scherz ja wirklich von dieser echten Meldung inspiriert: Ein Mann soll für die Zeit seiner Obdachlosigkeit GEZ-Gebühren nachzahlen

Wissenschatliche Scherze sind bisweilen schwerer zu entdecken. In Brasilien versuchte der Scientific American mit einer Homöopathiestory den 1. April zu feiern. Den Text selbst fand allerdings nicht nur ich wenig lustig, denn das Ganze könnte ohne eine einzige Änderung tatsächlich in irgendeinem Homöopathiebuch stehen. Das Ganze beginnt – wie hier berichtet wird – so:

Homeopathy is known as an alternative treatment for human beings, but few people know about its utilization on animals, plants, soils, and water. This technique is the target of critiques regarding results and efficacy.  One of them is about the “placebo effect” of its remedies, which do not contain any trace of the raw material used in its preparation. To answer this criticism, a clarification is necessary: homeopathy is not related to chemistry, but to quantum physics, because it works with energy, not with chemical compounds that can be qualified and quantified.

Aber Moment! War das jetzt überhaupt ein Aprilscherz oder meint der brasilianische Scientific American das Ernst? Gibt es überhaupt eine brasilianische Version des Scientific American? Ok, die letzte Frage lässt sich einfach beantworten: Ja, es gibt eine. Um die erste Frage zu beantworten müsste man schon mehr über den Artikel wissen. Auf der verlinkten brasilianischen Internetseite konnte ich ihn nicht finden (das muss aber nichts bedeuten, denn ich kann kein portugiesisch). Ein Aprilscherz auf der zitierenden Seite kann man ausschließen, denn der Artikel trägt das Datum 3. April. So darf also weiter – zum Beispiel hier – darüber diskutiert werden, ob das jetzt ein missglückter Aprilscherz oder völlig missglückte Wissenschaft war. Letzteres wäre viel ärgerlicher!

Bei diesem Beitrag in den Science-Blogs geht es – zum 1.April – auch um Homöopathie, bzw. einen vermeintlichen Beweis dafür. Hier erschließt sich der Scherz auch nicht beim schnellen Querlesen, aber es reichen schon ein genauer Blick auf die ersten beiden Sätze nach der Einleitung:

Behandelt wurden Menschen, die mindestens 5 Jahre an morbus algia imperceptible litten, einer sehr seltenen Schmerzerkrankung des Metencephalon. Die Studie wurde an 5.000 Patienten und Patientinnen in einem Krankenhaus in Barcelona durchgeführt.

Eine sehr seltene Krankheit soll an 5.000 Patienten über 5 Jahre beobachtet worden sein? Das ist natürlich lächerlich, aber noch lächerlicher ist, dass die Krankheit ja „imperceptible“, also gar nicht wahrnehmbar sein soll.

Interessant wird in beiden Fällen sein, ob nicht vielleicht irgendwelche Homöopathen diese Artikel auf ihrer Homepage oder in irgendwelchen Veröffentlichungen als Argument dafür verwenden, dass ja sogar die „richtige Wissenschaft“ sich durchaus positiv zu ihrer glaubensbasierten Pseudomedizin äußert. Dass Aprilscherze – wenn sie gut gemacht sind – durchaus ein längeres Eigenleben führen können, war im Mathlog nachzulesen: Eine völlig aus der Luft gegriffene Behauptung aus diesem SB-Artikel zum 1. April 2009 fand ihren Weg sogar in die deutschsprachige Wikipedia – und wurde erst nach der Veröffentlichung des Mathlog-Artikels bereinigt.

Auf Heilpraxis.net scheinen die Autoren ein wenig verpennt zu haben, denn ihr Aprilscherz stammt vom 2. April. Alleine die 2. Überschrift spricht Bände:

Anti-Homöopathie-Gegner planen keine Aktionen mehr

Herrlich! Den Rest kommentiert Bernd Harder – inclusive echter homöopathischer Tipps – auf dem GWUP-Blog.





So funktioniert die Alternativmedizin

31 10 2011

Oh Mist! Da habe ich es tatsächlich geschafft bisher kein einziges Mal xkcd-Cartoons zu empfehlen … … dabei gibt es dort doch so viel Schönes zu entdecken. Zum Beispiel diese absolut treffende Beschreibung der Alternativmedizin – äh, ich meine natürlich Alternativliteratur:





Bankgeschäfte und Heilpraktiker oder warum ich eine e-Petition unterschrieben habe

7 10 2011

Es gibt in diesem Land Gesetze, deren Einführung nicht einmal eine mächtig scheinende Lobby verhindern konnte. In zwei Branchen, die ich aus beruflichen Gründen recht gut kenne, war das in den letzten Jahren der Fall und jeweils wurde die Einführung des entsprechenden Gesetzes mit dem Verbraucherschutz begründet. Es geht um die inzwischen obligatorischen Beratungsprotokolle die bei der Vermittlung von Versicherungsprodukten (seit Mai 2007) und in der Anlageberatung (seit 1.1.2010) ausgefüllt werden müssen. In beiden Fällen muss der Verkäufer dokumentieren, wie er die persönliche Situation des Kunden analysiert und welche Produkte er warum empfohlen hat. Eine gute Sache, die nicht nur dem Kunden dient, sondern auch dem jeweiligen Verkäufer, denn wer ordentlich berät und dokumentiert, über den kann sich auch nachher kein Kunde beschweren. OK, das Ganze ist noch lange nicht perfekt (so muss nicht bei allen Anlageprodukten ein Beratungsprotokoll erstellt werden und die dafür zur Verfügung gestellten Formulare werden teilweise von Verbraucherzentralen und der BAFin kritisiert), aber es ist ein Anfang. Der Gesetzgeber hat hier die Rechte der Kunden gestärkt, damit diese eine Handhabe bei fehlerhaften Beratungen haben und gegebenenfalls auch Schadenersatz verlangen können, falls das angelegte Geld „futsch“ ist.

Klar, wenn Geld aus Kundensicht „vernichtet“ wird ist das sehr ärgerlich. Viel schlimmer ist es jedoch, wenn ähnliche Fehler im Gesundheitsbereich passieren. Hier können Fehler schlimmstenfalls tödlich sein. Wobei für Ärzte schon lange eine Dokumentationspflicht besteht:

Diese Aufzeichnung dient dem Arzt selbst als Rechenschaft über den Behandlungsweg sowie für weiterbehandelnde Ärzte als Informationsquelle. Ebenfalls ist sie eine wichtige Information für den/die Patient/in. Die vom Arzt aufzubewahrenden Dokumente beinhalten Aufzeichnungen über den Krankheits- und Behandlungsverlauf, Arztbriefe mitbehandelnder Ärzte, Röntgenbilder, Befunde (EKG, Laborwerte) sowie Hinweise über die Patientenaufklärung und Patienteneinwilligung. Bei mangelhafter Dokumentation des Arztes kann sich die Beweislast zu seinen Ungunsten umkehren.

Eigentlich logisch, dass ein Arzt genau dokumentieren muss, welche Diagnose er wann und warum erstellt und wie er den Kunden ggf. beraten hat und welche Behandlung daraus resultierte. Festgelegt ist das übrigens in §10 des ärztlichen Standesrechts, und was dies bedeutet wird hier aufgelistet:

Aufzuzeichnen sind hingegen Anamnese, Diagnose und Therapie. Ebenfalls festzuhalten sind diagnostische Bemühungen, Funktionsbefunde, Medikation, ärztliche Hinweise und Anweisungen an die Funktions- und Behandlungspflege sowie jedes Abweichen von Standardbehandlungen. Selbstverständlich ist die Anfertigung eines Operationsberichts und eines Narkoseprotokolls. Zu notieren sind auch das Auftreten etwaiger Komplikationen, der Wechsel des Operateurs während der Operation und Maßnahmen zur Anfängerkontrolle. Dokumentiert werden muss ferner das Verlassen des Krankenhauses durch den Patienten gegen den ärztlichen Rat sowie Sicherheitsvorkehrungen, die gegen eine Selbstschädigung des Patienten getroffen worden sind. Auch die Patientendaten wie Gewicht, Blutgruppe, präoperativer Allgemeinzustand, Verträglichkeit früherer Eingriffe und Medikationen sowie Allergieneigungen sind aufzunehmen.

Auch hier ist mit Sicherheit nicht alles perfekt (in diesem aktuellen Fall soll ein Arzt Krankenakten im Nachhinein „neu erstellt“ haben – wobei dann für ihn ungünstige Inhalte irgendwie verschwunden sind), aber auch hier gilt: Wer seinem Job ordentlich nachgeht, der hat auch kein Problem damit seine Aktivitäten im Detail zu dokumentieren.

Nun gibt es aber im Gesundheitsbereich eine Berufsgruppe, die ihre Diagnosen, Empfehlungen und Behandlungen nicht dokumentieren muss, nämlich die Heilpraktiker. Die dürfen gemäß Heilpraktikergesetz zwar auch Heilkunde ausüben, unterliegen aber keinerlei Dokumentationspflichten. Die Fachverbände empfehlen zwar eine ausführliche Dokumentation (z.B. hier oder hier), aber weder ist ein Heilpraktiker verpflichtet einem solchen Fachverband beizutreten noch hat er Sanktionen zu befürchten, falls er dieser Empfehlung nicht folgt.

Hier ist also – ähnlich wie bei der Einführung der oben erwähnten Beratungsprotokolle bei Finanzprodukten – der Gesetzgeber am Zug. Wenn dieser schon die Ausübung eines solchen Heilberufes (für den es keine Ausbildungsordnung gibt – inzwischen müssen übrigens Versicherungsvermittler gemäß der Verordnung über die Versicherungsvermittlung und -beratung, § 1-4,  eine Sachkundeprüfung nachweisen) erlaubt, dann sollte er die Heilpraktiker doch auch mindestens dazu verpflichten eine ordentliche und ausführliche Dokumentation analog des ärztlichen Standesrechts (s.o.) zu führen, die dem Patienten bzw. anderen behandelnden Ärzten und Heilpraktikern zur Verfügung gestellt werden kann (und auf Anforderung des Patienten muss!). Auch hier gilt, dass ein Heilpraktiker, der in seiner Tätigkeit den vom Heilpraktikergesetz vorgegebenen Rahmen nicht überschreitet (und auch ansonsten seinem Patienten keinen Nonsens erzählt – solche Heilpraktiker soll es tatsächlich geben!), nichts zu befürchten hat.

Wenn in dieser e-Petition die Dokumentationspflicht für Heilpraktiker gefordert wird, kann ich also nur zur Mitunterzeichnung aufrufen … … und eigentlich müssten auch zumindest die beiden oben verlinkten Heilpraktikerverbände ihre Mitglieder zur Mitunterzeichnung motivieren (oder sind die Anforderungen und Empfehlungen zur Dokumentation dort reine Lippenbekenntnisse?) um sich von den schwarzen Schafen der Branche abzuheben. Bis zum 17. November ist übrigens noch Zeit – und hoffentlich können Hinweise auf die Petition wie die im GWUP-Blog möglichst viele Menschen zum Mitzeichnen bewegen.





Tierhomöopathen im Größenwahn: Der CargoCult-Bachelor

28 09 2011

Richard Feynman prägte den schönen Begriff der Cargo-Cult-Wissenschaft und erklärte ihn in seiner Semester-Eröffnungsrede  1974 am California Institute of Technology wie folgt:

Auf den Samoainseln haben die Einheimischen nicht begriffen, was es mit den Flugzeugen auf sich hat, die während des Krieges landeten und ihnen alle möglichen herrlichen Dinge brachten. Und jetzt huldigen sie einem Flugzeugkult. Sie legen künstliche Landebahnen an, neben denen sie Feuer entzünden, um die Signallichter nachzuahmen. Und in einer Holzhütte hockt so ein armer Eingeborener mit hölzernen Kopfhörern, aus denen Bambusstäbe ragen, die Antennen darstellen sollen, und dreht den Kopf hin und her. Auch Radartürme aus Holz haben sie und alles mögliche andere und hoffen, so die Flugzeuge anzulocken, die ihnen die schönen Dinge bringen. Sie machen alles richtig. Der Form nach einwandfrei. Alles sieht genau so aus wie damals. Aber es haut nicht hin. Nicht ein Flugzeug landet.

Was hat das aber jetzt mit Tierhomöopathie zu tun? Oder mit einem Bachelor? Eigentlich nichts, es sei denn man schaut sich die Seiten von animalmundi an, denn was springt einem da sofort ins Auge:

Studium der Tierhomöopathie jetzt auf Bachelor-Niveau

Dazu gibt es noch eine mit einschläferndem Geklimper unterlegte Präsentation zum neuen Studienkonzept in dem  die Leute von diesem „Institut“ (so darf sich eigentlich alles und jeder nennen) ganz forsch behaupten:

An der Akkreditierung für den Studienbeginn 2012 arbeiten wir mit Nachdruck!

Oha! Und liest man dann noch genauer nach, dann geht es nicht um irgend einen Bachelor (wie z.B. bei den Menschenhomöopathen – die hätten gerne einen Bachelor of Arts gehabt, den die Uni Magdeburg jetzt doch nicht mitveranstalten will), sondern ausgerechnet um einen Bachelor of Science:

Das Studium ist bereits jetzt in der Lage Ihnen einen Studienumfang zu bieten, der den Anforderungen eines Bachelor-Studienganges gerecht wird. Animalmundi arbeitet intensiv an der Verwirklichung seines Ziels einen  Bachelor of Science für klassische Tierhomöopathie zu realisieren. (gleiches gilt für die Tierpsychologie)

Nun ja, die Verantwortlichen glauben offensichtlich tatsächlich, dass sie Wissenschaft betreiben und geben sich in einer Pressemeldung sehr optimistisch:

Mit der staatlichen Anerkennung als Bachelor-Studiengang im nächsten Jahr wird animalmundi das europaweit erste Institut sein, das diesen Abschluss ermöglicht.

Aber so weit ist es ja zunächst mal gar nicht. Die Leute von animalmundi haben ihre künstliche Landebahn angelegt und daneben Feuer entzündet die Struktur ihrer Ausbildung einem Bachelorstudium angelehnt und sie haben ihre hölzerne Kopfhörern, aus denen Bambusstäbe ragen, die Antennen darstellen sollen, aufgesetzt den Aufwand für die Ausbildung nach – dem bei echten Bachelorn üblichen – ECTS berechnet. Aber braucht man für einen B. Sc. nicht doch etwas mehr, vielleicht so etwas wie Wissenschaft?

Immerhin: 6 Tage Präsenzseminar und etwa ebenso viel für web-based-training werden für das Modul Wissenschaftliches Arbeiten veranschlagt – und ich würde ja doch gerne wissen, was da gelehrt wird. Wenn da auch nur ein klein wenig (also nicht homöopathisch verdünnt!) wissenschaftliche Methode drin ist, dann müssten danach ja die meisten ihr – kostenpflichtiges – „Studium“ wegen Unsinnigkeit abbrechen. Geht man mit wissenschaftlicher Methodik an die Tierhomöopathie heran, dann muss man neben den üblichen Widersprüchen zu einer Vielzahl bekannt gut belegter Naturgesetze auch noch „schlucken“, dass die Königsdisziplin der Homöopathen – die ausführliche Anamnese – bei Tieren gar nicht möglich ist. Dass Frauchen und Herrchen eines Goldfischs oder Meerschweinchens befragt werden, dürfte da auch wenig befriedigend sein – und schließt herrenlose Fundtiere doch eigentlich a priori von einer Behandlung aus. Oder muss in den letzt genannten Fällen eine der verlinkten Personen (deren selbst behauptete Fähigkeiten sich übrigens ziemlich leicht wissenschaftlich überprüfen lassen) hinzugezogen werden?

In jedem Fall wäre es natürlich ein Skandal, wenn ein solcher Bachelor (und dann noch Sc.) tatsächlich in irgendeiner Form Realität werden würde. Aber bisher reden ja – glücklicherweise – nur die Veranstalter dieser Kurse selbt von einem solchen Titel. Ob da die Spenden helfen, die man extra für dieses Bachelor bei den verblendeten gläubigen Anhängern einsammeln will? Ich schlage vor, dass sie für ihre Tierhomöopathie-Ausbildung entweder den B. o. Sch. (Bachelor of Schalatanerie – der natürlich auf einer Visitenkarte und einem „Praxisschild“ immer voll ausgeschrieben werden muss) oder eben einen CargoCult-Bachelor (der immer mit dem Zusatz „Muster ohne Wert“ oder „alles Quatsch mit Soße“ in gleicher Schriftgröße zu verzieren ist) verleihen dürfen – dann haben sie ihren Bachelor und können zumindest das Spendensammeln beenden.





Ei, Ei, Ei

16 09 2011

Ach wie fies! Da wird die Mutter eines 11-jährigen nicht nur um ein paar Euro abgezockt, sie muss auch noch ein zerdrücktes rohes Ei aus zwei T-Shirts entfernen. Wie die Westdeutsche Allgemeine Zeitung heute meldete hatte eine selbst ernannte Hellseherin der Mutter irgendwelche üblen Verhexungen eingeredet, die nun durch ein abstruses Ritual (für das natürlich gar nicht abstruses Bargeld verlangt wurde) beseitigt werden sollten:

Ein T-Shirt der Mutter, ein T-Shirt des Kindes, ein rohes Ei, eine rote Kerze und eine Heilige brauche sie, um den Hexenzauber auf dem Jungen zu brechen. Damit sollen die besorgte Mutter, die Hellseherin und eine Helferin (51) an einen entlegenen Platz gefahren sein. Dort habe die Zauberin der Mutter das Ei – zwischen die Shirts gelegt – auf den Bauch gedrückt – um die Hexen zu verjagen.

Immerhin, die Mutter ging zur Polizei als die Hellseherin dann noch wesentlich mehr Geld abzocken wollte, und in erster Instanz wurde die nicht zur Verhandlung erschienene Hellseherin zu einer Geldstrafe verurteilt. Wenn ich den Artikel richtig verstanden habe, dann ist die Strafe zwölf mal so hoch wie der erzielte Gewinn bei der ersten Antihexerei-Ei-Abzocke … … und das wäre eine wirklich gute Nachricht.

Die Hellseherin war aber auch wirklich zu ungeschickt. Hätte sie das Ei nicht zwischen den T-Shirts auf dem Bauch der Mutter zerdrückt sondern nur leicht über deren Körper gerollt (und Unsinniges versprochen), sie hätte sich statt vor Gericht möglicherweise vor einem Volkshochschulauditorium wieder gefunden. So wie z.B.  diese Frau, die an der Volkshochschule Mainz einen Kurs anbietet, bei dem sie genau das tut. Die Veranstaltung heißt „Massage mit dem Ei“ und das Ei wird in weichen Bewegungen über den Körper geführt. Das soll dann irgendwie supidupi-energetisch-toll sein. Die dazu gehörige sinnfreie Anhäufung esoterischer Wellness-Buzzwords liest sich im Original so:

Stress, Ärger, Alltagssorgen – sie belasten Körper und Seele, sie erzeugen negative Energien. Und die können sich im Laufe der Zeit im Körper aufstauen, führen dann zu einer Art innerer Blockade. Der Fluss von positiven Energien wird behindert oder gar verhindert. Die Inkas fanden aus ihrem Wissen über natürliche Kräfte heraus einen Weg, solche Blockaden zu lindern, zu lösen. Inkas und ihre Schamanen waren davon überzeugt, dass ein schlichtes Hühnerei bei sanften Massagen des menschlichen Körpers negative Energien aufnehmen und damit abbauen kann. Ein energetisches Gleichgewicht ist dann wieder zu erreichen.

Mag sein, dass die Inka aus irgendwelchen Gründen Hühnereier über die Körper irgendwelcher Personen gerollt haben – die Suche nach entsprechenden Quellen bei google (Stichworte: Ei Massage Inka) lieferte aber eher abseitige Ergebnisse. Nur bei einem Herrn namens Gerardo Pizaro erfährt man etwas zum Thema (immerhin wird das Ei erwähnt!), denn ganz unten geht es um eine ominöse „Reinigung mit dem Ei“:

Es wird wie ein Röntgenbild benutzt, um den energetischen und physischen Zustand der Person zu sehen.

Was? Ein Ei wie ein Röntgenbild? Was für ein Quatsch! Noch spannender ist aber eine weitere bei Herrn Pizaro erwähnte „Methode“:

Im Norden von Peru wird auch heute noch die Reinigung mit dem Meerschweinchen angewandt.

Bleibt zu hoffen, dass die Düsseldorfer Hellseherinnenmafia sich daran kein Beispiel nimmt. Zwischen T-Shirts zerdrückte Meerschweinchen mag ich mir nun gar nicht vorstellen wollen.





Kein „Verdünnungsmaster“ in Magdeburg (noch?)

14 08 2011

Als vor knapp zwei Jahren die Otto-von-Guericke -Universität Magdeburg einen Master-Studiengang in Homopathie ankündigte und die Einführung eines solchen auch ausführlich zu begründen versuchte war der Aufschrei unter den Wissenschaftsbloggern in Deutschland vorprogrammiert. Hier und da hatte sich die Nummer eins unter den deutschsprachigen Scienceblogs mit dem Thema beschäftigt, und – verständlicherweise – waren auch weitere seiner Kollegen wenig erfreut darüber, dass eine durchaus renommierte Hochschule einen Master in Homöopathie vergeben wollte. Immerhin sollte es kein „Master of Science“ sondern ein „Master of Arts“ sein, denn ersterer dürfte sich bei der Homöopathie ja von selbst verbieten …

Wobei mich immer noch wundert, warum die Universität seinerzeit unter anderem folgende Begründung für die Zulassung dieses Masterstudiengangs fand:

Die Universität ist nicht beteiligt an der Ausbildung in homöopathischer Medizin an sich; das könnte sie auch gar nicht. Ihre Aufgaben liegen in der Vermittlung von Methodiken für Forschung, Qualitätsförderung und Professionalisierung.

Es ist schon sehr erstaunlich, dass eine Universität einen Titel in einem Fachgebiet verleihen wollte, an dessen Ausbildung sie zu einem großen Teil überhaupt nicht beteiligt ist – außer natürlich an den genannten Themen (… die aber nur einen kleinen Teil des Studiums umfassen: Im dritten Modul lernen Studierende neben den Grundlagen der Wissenschaftstheorie sowohl quantitative als auch qualitative Forschungsdesigns kennen …). Heißt das, dass man gemeinsam mit der Fakultät für Geistes-, Sozial- und Erziehungswissenschaften in Magdeburg auch Konzepte für andere Masterstudiengänge erstellen kann, wenn man ein solches wissenschaftliches Feigenblatt mit aufnimmt?

Den Master of Arts selbst können etwaige Interessenten übrigens immer noch nicht erwerben. Den Grund dafür findet man hier:

Das Konzept steht – nun wird eine Hochschule gesucht, um es umzusetzen! Denn zu unserem Bedauern ist für die OvGU die Durchführung des Studienganges im Rahmen ihrer personellen Möglichkeiten nicht zu realisieren.

Fast wäre man geneigt, der Magdeburger Uni zu ihrer knappen Personaldecke zu gratulieren …





Placebo für Lette: Pech für Frau Kröger

3 08 2011

2256 Einwohner hat (laut Wikipedia) der zu Oelde gehörende Ortsteil Lette, der Ende letzten Jahres bundesweit in den Medien für Aufsehen sorgte. Da der einzige Arzt im Ort mit 69 Jahren seine Praxis aufgab versuchten die Bürger einen Nachfolger in die verwaisenden Praxisräume zu locken, dem sie Gratishaarschnitt, Gratismittagessen (zumindest eine Woche lang), Gratisfrühstücksbrötchen und einiges mehr anboten – scheiterten aber bis heute. Über die Gründe hat sich hier ein Landarzt so seine Gedanken gemacht …

Jetzt melden die Medien eine Scheinlösung des Problems, aber diese dürfte zumindest Frau Kröger nicht zufrieden stellen. „Weil sie regelmäßig Tabletten braucht, muss sie nun ins fünf Kilometer entfernte Clarholz zum Arzt fahren.“ war in diesem Focus-Artikel über die Rentnerin zu lesen, und das wird ihr weiterhin nicht erspart bleiben. Die Praxisräume wurden nämlich jetzt an einen Heilpraktiker vermietet, und der darf nun mal keine verschreibungspflichtigen Medikamente verordnen.

Ob der neue Mieter jetzt in den Genuss der oben genannten Vergünstigungen kommen wird ist nicht bekannt. Das „Problem“ mit dem fehlenden Arzt im Ort ist jedenfalls nicht behoben. Wie sagte doch ein Richter anlässlich eines Prozesses gegen einen Heilpraktiker (Quelle dort): Patienten dürfen nicht im Glauben gelassen werden, der Besuch beim HP ersetze eine ärztliche Behandlung. Bleibt zu hoffen, dass sich die Einwohnern von Lette dieses Unterschieds bewußt sind.